Sozialgeschichte
Das osmanische Kaffeehaus: Ursprung einer Sitte
Bevor es Zeitungen gab, gab es Kaffeehäuser. Sie waren Nachrichtenbörse, Bühne, Spielsalon und Gerücht in einem, und deshalb standen sie von Anfang an unter Beobachtung.
Sozialgeschichte
Bevor es Zeitungen gab, gab es Kaffeehäuser. Sie waren Nachrichtenbörse, Bühne, Spielsalon und Gerücht in einem, und deshalb standen sie von Anfang an unter Beobachtung.
Sandbett, Kupferkanne, niedrige Hocker: die Einrichtung eines Kaffeehauses hat sich über Jahrhunderte kaum verändert.
Der Kaffee kommt aus dem Hochland Äthiopiens und wurde im Jemen kultiviert. Verbreitet haben ihn zunächst Sufi-Orden, die das Getränk bei nächtlichen Andachten verwendeten. Aus dieser religiösen Nische trat er im frühen sechzehnten Jahrhundert heraus, und zwar mit einer Geschwindigkeit, die den Behörden Sorge machte.
| Ort | Zeit | Was geschah |
|---|---|---|
| Jemen | 15. Jahrhundert | Anbau und Verwendung in Sufi-Orden |
| Mekka | um 1511 | erste Kaffeehäuser, erstes Verbot |
| Damaskus, Aleppo | um 1530 bis 1534 | Ausbreitung nach Norden |
| Istanbul | um 1554 | die ersten Häuser der Hauptstadt |
| Istanbul | 1633 | Schließungen unter Murad IV. |
| Wien, London, Paris | ab 1650 | europäische Nachahmung |
Der osmanische Chronist Ibrahim Peçevi nennt für Istanbul das Jahr 1554 und zwei Männer aus Aleppo und Damaskus, die dort das erste Haus eröffneten. Die Zahl ist eine Chronistenangabe, keine Urkunde, aber sie ist die älteste, die wir haben.
Ein Kaffeehaus war kein Lokal im heutigen Sinn, sondern ein halböffentlicher Raum mit niedrigen Bänken an den Wänden, Teppichen, einem Sandbett für die Kannen und einem Platz für den Erzähler. Der meddah trug Geschichten vor, im Ramadan spielte das Schattentheater Karagöz und Hacivat, dazwischen wurde Backgammon und Schach gespielt, Nachrichten getauscht, Verträge besprochen. Wer wissen wollte, was in der Stadt vorging, ging dorthin. Genau deshalb ließ Murad IV. die Häuser 1633 schließen; das Verbot betraf auch den Tabak und hielt so wenig wie alle Verbote dieser Art, wie der Beitrag über die Geschichte des Objekts beschreibt.

Marmorne Tischplatten auf gusseisernen Füßen, Thonet-Stühle im neunzehnten Jahrhundert, Kupfer- und Messinggerät auf einem Wandbord: Das Inventar eines Kaffeehauses stammte aus genau den Werkstätten, die der Beitrag über Handwerk im Basar beschreibt. Die Kannen, türkisch cezve, wurden getrieben, verzinnt und alle paar Jahre neu verzinnt.
Über Venedig, Wien, London und Paris erreichte die Einrichtung Europa und veränderte sich dabei gründlich: aus dem Sitzen auf Bänken wurde das Sitzen an Tischen, aus dem Erzähler wurde die Zeitung. Wie der Kaffee tatsächlich nach Wien kam und warum die bekannte Erzählung dazu nicht stimmt, steht im Beitrag über Tee, Kaffee und das Glas mit der Taille.
Die kleinen Gegenstände des Kaffeehauses tragen seine soziale Ordnung.

Hundert Milliliter, eine Taille, kein Henkel: ein Gebrauchsglas, das ohne eine einzige überflüssige Linie auskommt.

Ein zähflüssiger, fast schwarzer Rest, der in der Wirtschaftsgeschichte mehr bewegt hat als der Zucker selbst.

Ton, Messing, Glas, Leder, Kork: sieben Bauteile, sieben Werkstoffe, und für jeden gibt es einen handfesten Grund.